Nikotinnörgler auf geistigen Irrwegen

Unter dem URL http://www.gt-worldwide.com/nichtraucherschutz_rauchverbot.html findet sich ein interessanter Artikel, der exemplarisch beleuchtet, wie verworren Gegner von Rauchverboten (die in den meisten Fällen mutmaßlich Raucher sind) bisweilen vortragen und welche überaus absurden geistigen Klimmzüge sie veranstalten müssen, um die uneingeschränkte Suchtbefriedigung weiter zu rechtfertigen.

Unter dem Titel „Übertriebene Rauchverbote fördern Gewaltbereitschaft“ erklärt uns ein Peter Haisenko, dass Rauchverbote nachgerade zwangsläufig zu Gewaltexzessen führen würden. Die erkennbare Nichtvereinbarkeit seiner These mit der Realität erfordert es, sich mit dem Text etwas näher auseinander zu setzen.

Haisenko legt anhand der bekannten Vorfälle in der Münchner U- und S-Bahn dar, dass die jugendlichen Täter z. B. einen pensionierten Schuldirektor legidlich deshalb brutalst zusammengeschlagen und fast getötet hätten, weil er sie auf ein bestehendes Rauchverbot aufmerksam gemacht hatte und er ein Unterlassen ihrer rechtswidrigen Handlungen forderte.

Die Argumentation des Autors, dass das Rauchverbot in öffentlichen Räumen demnach ursächlich für diesen Gewaltexzess sei, ist an Absurdität kaum zu übertreffen. Würde man seiner Denkweise folgen, wären also die Münchner Verkehrsbetriebe letztlich Schuld an der verwerflichen Tat der beiden Jugendlichen und nicht diese selbst. Denn wenn man sie in Ruhe hätte rauchen lassen, wäre ja nichts passiert. Aus dieser Sicht des Herrn Haisenko könnte man nun lernen, dass Wegschauen beim Rechtsbruch und die konsekutive Akzeptanz dessselben sozialadäquates Verhalten wären. Ein wahrlich erschreckender Gedanke.

Im Fortgang seines Textes wirft er weiter mit den altbekannten Scheinargumenten der Hardcoreinkotiniker nach Belieben um sich. Die üblichen Begriffe wie „Prohibition“, „Freiheit“ usw. usf. fallen regelmäßig immer wieder, so auch hier, wobei der Autor einmal wieder neuerlich erfolglos versucht, schlüssige Parallelen zwischen dem Alkoholverbot in den USA in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und dem heutigen Rauchverbot an öffentlichen Orten zu konstruieren.

Dass derartige Vergleiche genau so regelmäßig kläglich scheitern wie das Konstrukt „Rauchverbot führt zu Gewalt“ sei nur am Rande erwähnt. Schließlich dürfen Raucher ihre Suchtdroge nach wie vor erwerben und sie dürfen sie sogar weiter konsumieren, dies allerdings mit einigen vollkommen gerechtfertigten Einschränkungen. In diesem Zusammenhang von einer „Prohibition“, also einem Totalverbot, zu sprechen, ist vollkommen deplaziert.

Auch der Versuch des Autors, anzuführen, die meisten Amerikaner seien vor dem Rauchverbot Raucher gewesen und man habe durch das Untersagen des Rauchens an öffentlichen Orten den Willen der Mehrheit in den USA auf das Gröbste missachtet, klingt kaum glaubwürdig. Die Raucherquote betrug in USA in den 1970er Jahren 40%, 32% in den 80ern und 24% um das Jahr 2000 herum (Quelle: http://www.gallup.com/poll/109048/us-smo…oming-down.aspx )

Davon, dass die Mehrheit der Amerikaner jemals Raucher gewesen sei, kann man also kaum sprechen. Hier werden wieder Dinge behauptet, die so schlicht und einfach nicht der Wahrheit entsprechen und letztlich nur der Desinformation dienen.

Das nächste sprichwörtliche „Fass“, das Haisenko in seinem Rundumschlag gegen Rauchverbote aufmacht, ist, man ahnt es schon, der mittlerweile vollkommen abgedroschene Verweis auf das Dritte Reich, diesmal kunstvoll erweitert um die „sozialistischen Staaten“.

Das Rauchverbot gebe Menschen die Möglichkeit, so der Autor, andere maßregeln und nach Belieben schikanieren zu können, vorzugsweise um die eigenen „schlechte Laune“ abzuarbeiten und den Frust abzubauen. Und das sei ja schließlich in den Diktaturen auch so gewesen.

Mit diesem Griff in die argumentative Mottenkiste wird wieder einmal neuerlich das Klischee vom misanthropischen Nichtraucher gezimmert, der frustriert und vollkommen einsam in seinen spießig eingerichteten vier Wänden hockt und seinem rauchenden (und daher überaus fröhlichen und geselligen) Nachbarn das Schwarze unter dem Nagel nicht gönnt. Ein abgedroschenes und überaus dummes Zerrbild der Wirklichkeit, das sich aber in Verkennung der Realität hartnäckig in den Köpfen mancher Raucher eingebrannt zu haben scheint.

Und dass Raucher dann aufgrund der Zurechtweisungen der Nichtraucher manchmal mit Gewalt antworten (bis hin zum Mord, wie der Autor schreibt) sei eine logische Folge der ewigen Drangsalierungen und Maßregelungen. So wird mal eben nebenbei ganz schnell auch die Schuldfrage der Täterschaft umgekehrt. Nicht mehr der Raucher, der einen anderen erschlägt, weil der ihn auf ein Rauchverbot hinweist, ist Schuld an der Tat, sondern der Nichtraucher. Der hätte ja auch schweigen können und könnte demzufolge noch leben.

Vielleicht ist der Autor ja mit den Grundbegriffen der Soziologie einfach nicht so vertraut. Daher sei ihm in aller Kürze erläutert, dass Normen wissenschaftlich betrachtet ein Grundbestandteil von Zivilgesellschaften sind. Die Tatsache, dass Normen u. U. gewisse Einschränkungen von Freiheiten darstellen, bedeutet nun in der Folge eben nicht, dass dadurch gleich diktatorische Strukturen geschaffen werden. Und dass eine freiheitsbeschränkende Norm nicht regelmäßig als „faschistisch“ zu bezeichnen ist sollte Herrn Haisenko auch irgendwann mal klar werden.

Völlig ungetrübt von irgendwelcher Sachkenntnis wird es dann, wenn Herr Haisenko anfängt, darüber zu lamentieren, dass Rauchverbote am wirtschaftlichen Niedergang ganzer Gastronomiebereiche ursächlich die Verantwortung trügen. Er stellt hier die These auf, dass die Luft in vielen Nichtraucherlokalen deutlich „schlechter“ sei als in vielen Gaststätten, wo geraucht werden dürfe und dass dies beispielweise das Ende der „Schrannenhalle“ in München gewesen sei. Ganz abgesehen davon, dass der Autor keinerlei wissenschaftliche Definition des Begriffes „schlechte Luft“ darlegen kann oder will oder Kausalitäten vorweisen möchte, warum dieser Betrieb wirklich schließen musste, es spricht alleine schon die Plausibilität gegen diese Annahme.

Unter nachfolgendem URL finden sich Analysen von Schadstoffkonzentrationen in bayerischen Gastronomiebetrieben vor dem Rauchverbot: http://www.lgl.bayern.de/gesundheit/umweltmedizin/tabakrauchbelastung.htm. Dort wo strukturell mehr geraucht wird (Kneipe, Pub, Disco) sind die Schadstoffkonzentrationen signifikant höher als in Restaurants, wo tendenziell viel weniger geraucht wird.

Auch der Verweis, dass sich nun statt Rauchgestank andere Gerüche sich in den Kleidern festsetzen ist absurd. Der Geruch von „altem Frittenfett“, der wie es Haisenko erklärt, nun die Mäntel der Gäste zum Stinken bringe, dürfte weniger Atemwege reizend oder Krebs erregend sein, als die unzählingen Toxine und mehreren Dutzend Kanzerogene im Tabakrauch.

Völlige Unwissenheit offenbart Herr Haisenko dann am Ende dieses Absatzes, wenn er behauptet, durch die Abwesenheit von Tabakrauch bestehe ein höheres Infektionsrisiko mit Influenza, insb. der sog. „Schweinegrippe“. Hier sei dem Autor lediglich empfohlen, sich einmal ganz oberflächlich mit der mittleren Reichweite einer Tröpfcheninfektion zu befassen. Außerdem sei der Hinweis erlaubt, dass Tabakrauch zwar Menschen tötet, dies aber erst nach Jahren, aber bei Viren kaum zur schnellen Desinfektion geeignet ist. Demnach ist davon auszugehen, dass auch tabakrauchbelastete Luft infektiös wäre, wenn denn dieser Ausbreitungsweg überhaupt gegeben ist.

Am Ende seines Textes greift Haisenko nochmals die alte Forderung der Nikotinsüchtigen auf, die nach der freien Wahl des Wirtes:

„Jedem Wirt muss das Recht zustehen, selbst zu bestimmen, ob er sein Einkommen lieber von Rauchern oder Nichtrauchern bezieht. Es ist dasselbe Recht, das jeden selbst entscheiden lässt, ob in seiner Wohnung geraucht wird oder nicht.“

Und auch hier irrt er wieder. Wer eine öffentliche Gaststätte betreibt, hat eben nicht die uneingeschränkte Wahlfreiheit wie ein Privatmann, denn schließlich bietet der Gastwirt öffentlich eine Dienstleistung an und dieses Angebot ist eben nun einmal gesetzlich zu regeln. Und eine dieser Regelungen kann ein staatlich angeordnetes Rauchverbot auf der Basis bestehender rechtmäßig zu Stande gekommener Gesetze sein. Denn kein Gastronom erzielte je sein Einkommen nur mit Rauchern, dazu ist der Anteil der Raucher in der Bevölkerung schlicht zu gering. Es waren immer auch Nichtraucher in den verrauchten Kaschemmen anwesend, die dann nolens volens mitrauchen mussten.

Ganz zum Schluss folgt nochmals die unselige Umkehrung der Schuldfrage, die sich durch den Text zieht wie ein roter Faden:

„Das Rauchverbot fördert Intoleranz. Es hindert Menschen daran zu erkennen, dass ihre Handlungen von der Freude bestimmt sind, andere wegen vermeintlicher Fehltritte mit gutem Recht zurechtweisen zu dürfen. So etwas kann dann schon einmal in einem Leserbrief in der TZ (München) gipfeln, in dem eine Frau fordert, doch unbedingt dafür zu sorgen, dass das Rauchen auf einem offenen Bahnsteig auf dem Land verfolgt und geahndet wird. Hier geht es mit Sicherheit um Niemands Gesundheit. Es geht ausschließlich darum, sein Recht wahrzunehmen, einem anderen etwas verbieten zu dürfen. Das Rauchverbot ermöglicht dieses Verhalten. Es verführt Menschen mit solchen Neigungen, diese auszuleben. Das bringt sie in Konfliktsituationen, deren Ausgang sie nicht absehen oder kontrollieren können. Oftmals vergessen sie, eine angemessene Form zu wählen, denn sie wissen das Recht auf ihrer Seite.
Wenn jemand unter freiem Himmel, mit genügend Raum zum Ausweichen, einen anderen mit Hinweis auf das Recht, zum Nichtrauchen auffordert, ist es schwierig für einen aufbrausenden Charakter, gelassen zu reagieren. Vor allem deswegen, weil der Gescholtene hilflos anerkennen muss, dass der Mahner ein zwar völlig unsinniges, aber dennoch subjektiv zur Geltung erhobenes Recht auf seiner Seite hat. Der Konflikt, oder bestenfalls eine Stille Verwünschung sind programmiert.“

Also ist wieder einmal nicht der „aufbrausende Charakter“ des Gescholtenen Schuld an der Eskalation, weil der sich eben nicht im Griff hat und sozial unangemessen reagiert, sondern derjenige der die Einhaltung der Regeln angemahnt hat. Diese Sichtweise wäre in der Tat ein Grund, alle Regeln einfach abzuschaffen, dann gäbe es auch keine Konflikte mehr.

Und die Tatsache, dass Haisenko aus plakativen Gründen hier auf ein Randthema verweist (Rauchverbot unter freiem Himmel) das sicher nicht unumstritten ist, zeigt wieder die Irrationalität und der Kardinalfehler seiner Argumentation: Schuld ist immer der nach Lesart des Autors lustfeindliche „militante Nichtraucher“ oder wahlweise der, der die freiheitsbeschränkende Norm erlassen hat. Der Raucher dagegen ist regelmäßig schuldlos zu stellen. Er ist kein Täter, er ist Opfer. Opfer einer pervertierten, drangsalierenden und im Kern zutiefst unfreien Gesellschaft. Man ist immer wieder fassungslos, wie Menschen solch hanebüchenen Unsinn schreiben können wie Herr Haisenko im vorliegenden Text.

Quelle:  http://www.peter-rachow.de/rauchernoergler.htm

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