Die Historie des Begriffs Passivrauchen

Militante Raucher verbreiten im Internet regelmäßig, der Begriff Passivrauch sei eine „Erfindung“  der Nazis, ein Erbe des menschenverachtenden Terrorrregimes, das in Deutschland zwischen 1933 bis 1945 Millionen unschldiger Menschen ermordete. Sie versuchen damit den Nichtraucherchutz zu diffamieren. Sie instrumentalisieren damit das unendliche Leid, das Millionen Menschen und deren Angehörigen widerfahren ist, um zu vertuschen, dass auch Passivrauch tötet. Und Sie tun das ein einer besonders widerlichen Art und Weise. Denn die Behauptung, der Begriff Passivrauch sein ein „Erbe Adolf Hitlers“, ist eine schäbige Geschichtfälschung, die nahe am  Tatbestand der Volksverhetzung liegt.

Die wahre Sachlage ist, wie von der Äzteinitiative Österreich exakt zusammengefasst, dass Forscher schon lange vor der Gewaltherrschaft der Nazis die Schädlichkeit des Aktiv- und Passivrauchens erkannten.


Den Begriff ‚Passivrauchen‘ prägte lange vor den Nazis (und den Amerikanern) ein Deutscher Internist und Sozialdemokrat Ende der 20er Jahre: Fritz Lickint setzte sich mit gesundheitlichen und sozialen Problemen des Alkohol- und vor allem des Tabakkonsums wissenschaftlich auseinander und beschrieb lange vor Wynder den Raucherkrebs der Lunge und sogar schon die Krebsstraße entlang der Atem- und oberen Verdauungswege (schon 1925 die Häufung von Magengeschwüren und Magenkrebs bei Rauchern). Lickint war zeitlebens engagierter Sozialdemokrat und Mitglied des „Vereins sozialistischer Ärzte“.

Seine politische Gesinnung kostete ihm kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1934 den Arbeitsplatz am Krankenhaus Chemnitz und zu Kriegsbeginn 1939 wurde Lickint als einfacher Sanitäter zum Heeresdienst eingezogen. Erst nach 1945 konnte er wieder seiner angestammten Arbeit als Spitalsarzt und später auch als Spitalsleiter nachgehen.
Sein leider erst 1939 erschienenes Lehrbuch der Tabakkrankheiten beschreibt physische und psychische Tabakabhängigkeit als behandlungsbedürftig, schlägt eine Reihe (z.T. heute noch verwendeter) Therapien vor, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass viele Raucher „asozial handeln, ohne Rücksicht auf die  Umgebung die Luft verpesten und andere Menschen gesundheitsschädigen“.

Die Nazis haben sich solcher Ideen z.T. bemächtigt, gleichzeitig aber Soldaten mit Zigaretten versorgt und vor allem in Österreich mit der Tabakindustrie kooperiert. Nach dem Krieg wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Rauchen und Lungenkrebs (die schon vor 1938 auch in Österreich bekannt waren) von den Amerikanern übernommen und 1950 als ihre eigene Entdeckung ausgegeben, was aber den Siegeszug der Tabakindustrie nicht stoppen konnte, weil Tabakwerbung und gekaufte Experten den Zusammenhang weiterhin in Frage stellten. Erst 1975 kam es in Minnesota zu den ersten Rauchverboten und 1995 verbot Kalifornien das Rauchen in Restaurants.

In Österreich und Deutschland aber wirkt bis heute die Propaganda der Tabakindustrie, die behauptet, die Nichtraucherbewegung wäre auf Hitler zurückzuführen (siehe z.B. http://www.raucherbewegung.eu). Tatsächlich spendete der Zigarettenfabrikant Philipp Fürchtegott Reemtsma regelmäßig an den prunksüchtigen Hermann Göring und sicherte sich so eine zentrale Stellung im reichsdeutschen Zigarettenmarkt. Unter den Nazis wurde mehr geraucht denn je.

Der Missbrauch der Hygiene im 3.Reich bewirkte einen Imageverlust für das Öffentliche Gesundheitswesen, sodass die entsprechende Forschung und Lehre in Deutschland und Österreich vernachlässigt und schließlich (z.T. von emigrierten Professoren) als ‚Public Health‘ zurück importiert werden musste. Tabak wurde in Europa von unabhängigen Instituten aber kaum mehr wissenschaftlich behandelt. Die Suchtprävention vernachlässigte Nikotin jahrzehntelang und zum Teil bis heute. So ist es nicht verwunderlich, dass die Tabakindustrie ihre Chance nutzte und ein Netzwerk der Desinformation aufbaute, mit Hilfe korrupter Wissenschaftler, Medien und Politiker.

Besonders das Naheverhältnis zwischen den Finanzministern und der Tabakindustrie sowie die Monopolisierung des Vertriebssystems der Zeitungen bei den Trafikanten förderte diesen Prozess. Erst die jüngste Vergangenheit brachte wieder Fortschritte in Nord- und Westeuropa, die im angloamerikanischen Bereich (von Kalifornien bis Neuseeland) ihren Ursprung haben. Irland und Norwegen waren dabei die Vorreiter.

Quelle: Ärzteinitiative Österreich

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