Tabaklobby: Zweifel säen

 Wissenschaftlich gestützte deep-lobbying-Strategien werden gezielt genutzt, um ungeliebte Erkenntnisse zu bekämpfen. Das wissenschaftliche Streben wird anderen Zwecken untergeordnet, wobei die Rolle beteiligter Wissenschaftler/innen im Einzelnen zu klären ist. Sie kann von bewusster Mitwirkung an Irreführung, (mit)wissender Mitwirkung ohne Manipulation wissenschaftlicher Verfahren/Erkenntnisse z.B. durch Ablenkungswissenschaft bis zu unbewusstem Mitwirken reichen.

Mitte der 1950er Jahre z.B. tauchten die ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf, die Rauchen mit Krebs in Verbindung brachten. In den folgenden Jahrzehnten versuchte die Tabakindustrie systematisch und weltweit, Wissenschaft mit einer scheinbar soliden Gegen-Wissenschaft zu bekämpfen. Sie streute gezielt Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Auswirkungen des Rauchens und versuchte umgekehrt, positive Informationen über das Rauchen in wissenschaftlicher Form in Umlauf zu bringen. Dazu bediente sie sich einer Strategie, die man analog zur Geldwäsche als „Informationswäsche“ bezeichnen kann.

Die Studien und Analysen kamen von scheinbar unabhängigen Denkfabriken oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Universitäten, welche die Tabakindustrie und eigens dafür gegründete Stiftungen verdeckt finanzierten. Zu der Strategie gehörte, von einer offen geführten Tabak-„Kontroverse“ zu sprechen und von den Medien im Sinne einer „fairen Berichterstattung“ zu fordern, beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen.

Ein Beispiel: Die Denkfabrik Alexis de Tocqueville Institution veröffentlichte 1994 eine Kritik der amerikanischen Umweltbehörde EPA, insbesondere deren jüngster Kosten-Nutzen-Analyse zu den Auswirkungen des Passivrauchens. Die Studie war vom Tobacco Institute, der (1998 zwangsweise aufgelösten) Lobbyorganisation der Tabakindustrie, finanziert.

Das Tobacco Institute bekam auch die Entwürfe der Studie zur Kommentierung geschickt und half beim Einwerben weiterer Wissenschaftler/innen, die der Studie mehr wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verleihen sollten. Die Studie verschwieg allerdings die Finanzierung durch die Tabakindustrie. Andere Strategien der Tabaklobby dienten dazu, positiven Nutzen in anderer Hinsicht zu reklamieren. Auch in Deutschland fanden sich Wissenschaftler/innen, die z.B. Studien zum „psychosozialen Nutzen“ des Rauchens veröffentlichten, die indirekt vom damaligen Verband der Cigarettenindustrie finanziert worden sind.3

Die Tabakindustrie versuchte darüber hinaus, in einer generellen Debatte über „solide Wissenschaft“ („sound science“) Opfer und Täter zu vertauschen. Diese Taktik bezweifelt den Charakter der Wissenschaftlichkeit selbst. Wissenschaftliche Beiträge diffamiert sie als „junk science“4, wobei auch Debatten rund um den Klimawandel, die Gentechnik oder den Atommüll aufgegriffen werden. Abgesehen vom Versuch, den eigenen Bemühungen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, zielt die Verallgemeinerung vermeintlicher Wissenschaftskritik darauf ab, eine drohende Isolierung zu vermeiden und weitere Bündnispartner aus der Wirtschaft zu gewinnen.

3) Siehe mit weiteren Beispielen: Ludwig, Udo: Geheime Gesandte. In Spiegel 23/2005 vom 6. Juni 2005, wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument. html?id=40630213.

4) Vgl. www.junkscience.com/.

Quelle:Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

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